Andrea Blatter,
3.8.2026
An dieser Stelle findet ihr regelmässig Studien und andere Nachrichten, die die Podcastwelt so umtreiben. Viel Vergnügen beim Stöbern!
Kaum ein Thema beschäftigt die Podcastbranche derzeit so stark wie künstliche Intelligenz. Im Juli gab es gleich mehrere Meldungen, die zeigen: KI wird nicht nur als Produktionshilfe eingesetzt, sondern beginnt auch die Erwartungen an Audioqualität und Personalisierung zu verändern.
Besonders spannend war eine Untersuchung von Edison Research im Auftrag von Spoken. In der Studie wurden über 1'000 US-amerikanische Hörbuchnutzer:innen getestet, die Ausschnitte aus einer klassischen menschlichen Produktion und einer KI-basierten Mehrsprecher-Narration hörten.
Das Ergebnis sorgt für Diskussionen: Bei fiktionalen Geschichten bewerteten viele Teilnehmer:innen die KI-generierte Mehrsprecher-Version sogar besser als die menschliche Einzelsprecher-Version. Gleichzeitig zeigte die Studie, dass viele Hörer:innen den Unterschied zwischen menschlicher und KI-basierter Stimme kaum erkennen konnten. (Podnews)
Die wichtigste Erkenntnis daraus: Für das Publikum scheint weniger entscheidend zu sein, wie eine Stimme entsteht – sondern ob das Erlebnis hochwertig, glaubwürdig und emotional funktioniert.
Auch eine weitere Untersuchung von Azerion und Differentology beschäftigte sich mit KI-Stimmen in der Werbung. Dabei zeigte sich unter anderem, dass KI-generierte Stimmen mit regional passenden Akzenten besonders gut funktionieren können. Die Studie deutet darauf hin, dass Personalisierung und lokale Nähe wichtige Faktoren für Audio-Werbung bleiben, unabhängig davon, ob die Stimme menschlich oder künstlich erzeugt wurde. (Podnews)
Für Podcaster:innen bedeutet das: KI wird vermutlich nicht einfach menschliche Stimmen ersetzen. Vielmehr entstehen neue Möglichkeiten, etwa bei Übersetzungen, zusätzlichen Sprachversionen, Postproduktion oder der Entwicklung neuer Formate. Gleichzeitig bleiben Persönlichkeit, Vertrauen und eine klare Haltung zentrale Erfolgsfaktoren.
Bisher hat praktisch jede Plattform Podcast-Erfolg anders gemessen: Was ein Download ist, was als "gehört" zählt, wie ein Werbekontakt gezählt wird. Das macht es für Werbekund:innen schwierig, Kampagnen über verschiedene Plattformen hinweg zu vergleichen. Im Juli gab es dazu zwei wichtige Entwicklungen:
Das IAB Tech Lab (eine Standardisierungsorganisation der Digitalwerbung) hat eine überarbeitete Version seiner technischen Messrichtlinien vorgestellt. Neu wird zum Beispiel klarer geregelt, wie Video-Podcasts gezählt werden sollen, ein Bereich, der bisher kaum geregelt war. Die Richtlinien sind noch nicht fix, sondern liegen bis Mitte August zur öffentlichen Kommentierung vor.
Fast zeitgleich hat ein Bündnis aus Plattformen, Werbeagenturen und grossen Podcast-Playern (u. a. Spotify, SiriusXM und die Werbeagentur Oxford Road) die sogenannten AMP Accords veröffentlicht, ein komplett neuer Vorschlag, wie die ganze Branche Podcasts künftig einheitlich definieren und messen könnte. Zentral dabei: eine gemeinsame Definition, was überhaupt als "Podcast" zählt (auch bei Video), und eine neue einheitliche Kennzahl für Nutzung ("Play" = ab 30 Sekunden Hören oder Schauen).
Podcast-Werbung wächst, aber solange niemand sich einig ist, wie man Erfolg misst, zögern grosse Werbekund:innen mit Investitionen. Schätzungen gehen von über einer Milliarde Dollar an Werbegeldern aus, die deswegen aktuell zurückgehalten werden. Einheitliche Standards sollen mehr Vertrauen schaffen und Podcasts als Werbemedium professioneller machen.
Auch bei den Plattformen zeigt sich ein klarer Trend: Audio wird persönlicher und dialogorientierter.
Spotify hat im Juli die Beta-Version von „Talk to Spotify“ angekündigt. Die neue Funktion ermöglicht es Nutzer:innen, per Sprache oder Texteingabe direkt mit Spotify zu interagieren und Empfehlungen, Hintergründe oder Informationen zu Musik, Podcasts und Hörbüchern abzurufen. (Spotify)
Für Podcasts könnte diese Entwicklung besonders spannend werden. Wenn Nutzer:innen künftig nicht mehr nur suchen, sondern direkt fragen können:
„Welche Podcasts erklären mir dieses Thema verständlich?“
„Welche Folge mit diesem Gast sollte ich zuerst hören?“
„Was wurde in dieser Episode diskutiert?“
verändert sich auch die Art, wie Inhalte entdeckt werden.
Für Creator:innen bedeutet das langfristig: Nicht nur Reichweite zählt, sondern auch die Struktur und Auffindbarkeit der eigenen Inhalte. Gute Titel, klare Beschreibungen und verständliche Inhalte werden wichtiger, wenn KI-basierte Systeme bei der Auswahl helfen.
Die Grenzen zwischen Podcast und Videoformat verschwimmen weiter. Neue Branchenzahlen zeigen, dass immer mehr Menschen Podcasts nicht nur hören, sondern auch anschauen. Edison Research berichtete im Rahmen des „UK Podcast Consumer 2026“, dass Video-Konsum ein wichtiger Bestandteil des Podcastmarktes geworden ist und sich die Nutzungsmuster verändern. (Podnews)
Für Produzent:innen bedeutet das aber nicht zwingend, dass jede Podcastfolge künftig eine aufwendige Videoproduktion braucht. Vielmehr entstehen verschiedene Möglichkeiten:
Der wichtigste Punkt bleibt jedoch: Das Format muss zur Zielgruppe und zum Inhalt passen.
Neben Technologie und Plattformen zeigen auch aktuelle Marktanalysen: Podcasts bleiben ein relevantes Medium.
Der „Podcast Atlas“ von Sounds Profitable zum Beispiel beschäftigt sich mit der Entwicklung des Podcastmarktes und zeigt, wie vielfältig das Ökosystem inzwischen geworden ist, von unabhängigen Creator:innen über Medienhäuser bis hin zu Markenpodcasts. Die Studie belegt unter anderem einmal mehr, was schon viele vorher gezeigt haben: Podcasts geniessen unglaublich hohe Aufmerksamkeit von ihrem Publikum.
Und: Marken sollten die Wahl, ob sie in Video- oder Audiopodcasts Werbung machen möchten, von ihrer Zielgruppe abhängig machen. Nielsen hat Podcast-Hörer:innen und -Schauer:innen miteinander verglichen und kommt zu folgendem Schluss:
Hörer:innen: Sind mit deutlich grösserer Wahrscheinlichkeit verheiratet, haben ein hohes Bildngsniveau und arbeiten Vollzeit. Sie sind meist vielbeschäftigt und verplant und konsumieren Audio als Nebenmedium.
Schauer:innen: Sind eher Student:innen oder Schüler:innen, die sich ihre Tage flexibel einteilen können. Sie schauen sich Videopodcasts an, um eine direktere "Connection" zu den Hosts zu haben und schalten Podcasts an, wenn sie Zeit haben, sich hinzusetzen und zuzuschauen.